Das Drama von Alice und Martin Miller

Alice Miller in den 80er Jahren: eine d e r wichtigen Stimmen in Sachen Erziehung, Kinderseele, Kindergesundheit. Ihre Bücher „Das Drama des begabten Kindes“ und „Am Anfang war Erziehung“ waren Bibeln für all jene, die aufgewachsen waren zu einer Zeit, in der man noch glaubte, es sei gut für die Babies, wenn sie viel weinten. Weil das ihre Lungen kräftigen würde. Plötzlich gab es Interviews im Fernsehen, in denen sagte jemand – nämlich Alice Miller – , dass es unter Strafe gestellt gehöre, wenn Eltern ihre Kinder schlagen, dass Kinder, die geschlagen wurden, ihr Leben lang genau darunter leiden würden.

Irgendwann hörte man dann, dass Alice Miller zu ihrem eigenen Sohn nicht das beste Verhältnis hatte, irgendwann kam dann dessen Buch: „Das wahre Drama des begabten Kindes“ raus, in dem er schreibt, wie es war bei ihm zuhause. Nicht sehr toll. Der Vater schlug ihn nämlich – und der Wahnsinn, der absolute Wahnsinn ist eben, dass die Mutter, die ja Alice Miller war, nicht einschritt. Jetzt hat ein Schweizer Filmemacher über Martin Miller, der übrigens auch Analytiker geworden ist, der inzwischen um die 60 Jahre alt ist, eine Dokumentation gedreht, es geht zum einen wieder darum, was Martin alles entbehren musste in seiner Familie. Zum anderen will er in dem Film auch herausfinden, wie es dazu kommen konnte, dass Alice Miller letztlich zwei Menschen war. Dass sie in der Öffentlichkeit all das anprangerte, was bei ihr daheim, mit ihrem eigenen Kind, passierte. Dass sie zu der Liebe, die sie für alle Kinder einforderte, ihrem Sohn gegenüber überhaupt nicht fähig war. Sie konnte nur, wenn man das so zusammenfassen darf, abstrakt lieben. Mit 80 machte sie selbst noch eine Therapie, um ihr Verhältnis zu Martin zu verbessern. Es gelang nicht. Dann brach sie den Kontakt zu ihm ab.

Alice Miller, Tochter polnischer Juden, ist es 1940 gelungen, mit einem gefälschten Pass aus dem Ghetto in ihrer Heimatstadt zu entkommen. Sie schaffte es auch, ihre Schwester und die Mama aus dem Ghetto zu schleusen, ihr Vater ist dort 1941 gestorben. „Sie hat früh gelernt, zu lügen“ – zu dem Schluss kommt im Film ihr Sohn. Man darf wohl zusätzlich davon ausgehen, dass sie über die Tatsache, dass sie den Vater nicht retten konnte, dass so viele andere Verwandte, Freunde, Bekannte, in der Falle saßen und in der Falle blieben, nicht hinweggekommen ist. „Wer hat Angst vor Alice Miller?“ war auf dem Dok.fest in München zu sehen und kommt im Herbst in die Kinos.