Es ist nur ein kleines Büchlein – aber es lässt einen lang nicht los. In „Gebranntes Kind sucht das Feuer“ erzählt Cordelia Edvardson, die Tochter der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer, wie sie Auschwitz überleben und nach Auschwitz weiterleben konnte. Das Buch ist 1984 erschienen, wurde vergessen und kam jetzt bei Hanser neu heraus.
Edvardson, die Journalistin war, galt nach den wahnwitzigen Rassegesetzen der Nazis als „Dreivierteljüdin“. Sie wusste davon aber gar nichts. Sie war beim „Verein katholischer Mädchen“, aber immer habe sie gespürt, schreibt sie auch, „dass mit ihr etwas nicht stimmte“. Sie schreibt das Buch in der dritten Person.
Die Verhältnisse daheim waren nicht einfach, Großmutter und Mutter rivalisierten um das Kind, vom Vater von Cordelia hatte sich die Mutter getrennt. Die Großmutter stopfte die Kleine mit Süßkram voll, die Mutter entzog ihr die ‚Süßigkeiten wieder und vereinnahmte die Tochter statt dessen mit Spielen und Geschichten.
In der NS-Zeit heiratete die Mutter wieder, diesmal einen „Arier“, mit dem sie wieder Kinder bekam. Für Cordelia ergatterte sie einen spanischen Pass, aber es kam raus, dass der gefaked war. Die Gestapo erpresste Cordelia, zuzugeben, dass sie deutsch ist, sonst werde man die Mutter wegen Hochverrats anzeigen. Das hieß nur leider, dass ihr der Abtransport in den Osten blühte: „Unsicher sah die Tochter die Mutter an, und ihr Blick traf auf eine weiße Maske, worin der allzu rote Mund wie eine Wunde glühte. Von der Mutter war im Augenblick keine Unterstützung zu erwarten, das wurde dem Mädchen sofort klar.“
Cordelia war erst in Theresienstadt, dann in Auschwitz. Sie überlebte, weil sie eine Schreibkraft von Mengele wurde. Während der Leichenhaufen an der Längsseite der Baracke „ständig größer“ wurde, wurde sie aufgesaugt vom großen grauen Nichts. Am ersten Tag in der Früh, auf dem Weg zum Appell hatte Cordelia zufällig in ihrer Baracke das Foto ihrer Mutter auf dem Boden liegen sehen. „Da weinte das Mädchen, wie sie noch nie geweint hatte und nie wieder weinen sollte; nicht so.“
Nach ihrer Befreiung kam sie nach Schweden, äußerlich war jetzt alles gut. Aber immer, wenn sie beim Essen war in der neuen Heimat, wäre sie am liebsten aufgesprungen und hätte gerufen: „Ich bin hier. Ich, die ich voller Läuse und Krätze war und an rohen Kartoffelschalen genagt habe, ich, die ich nicht einmal einen Blechnapf besaß, um daraus zu essen, weil ihn mir jemand gestohlen hatte, ich bin hier!“
Trotzdem gründete sie Familie, bekam selbst zwei Kinder, emigrierte nach Jerusalem. Sie hatte einfach die Unschuld in Schweden nicht mehr ausgehalten: „Gebranntes Kind sucht das Feuer. Als sie in die verdunkelte Stadt kam, wußte sie, daß sie heimgekommen war. Dies war eine Wirklichkeit, die sie wiedererkannte, hier wollte sie bleiben.“
Auch ihre Mutter hatte den Krieg überlebt, sie trafen sich noch einmal. Cordelia Edvardson starb 2012.