Die Trennlinien, die durch uns selbst verlaufen

Ausschnitt aus dem Cover des Romans.

Von Edgar Selge gibt es ein neues Buch, es heißt „Juras letzter Winter“. Es ist ganz anders als das unheimlich tolle Debüt des Schauspielers, dessen Titel war: „Hast Du uns endlich gefunden“. Diesmal geht es auch um sein Aufwachsen, aber eben nicht nur. Selge stellt die eigenen Erfahrungen in der Kindheit sehr geschickt und sehr berührend neben das Tagebuch eines Jungen, Jura eben, der in Leningrad während der Blockade durch die Nazis verhungert ist. Auch Jura war ein angehender Schriftsteller.

Immer wieder mündet der Roman in einen Dialog mit Jura. Der kommt Selge beim Schreiben, beim Nachdenken über das nicht einfache Schreibprojekt, immer wieder in den Sinn. Und dann spricht er mit ihm. Einmal sagt er ihm, da geht es eigentlich ums Sterben: „Grundsätzlich müssen wir immer in Vorleistung gehen: mit Verantwortung und Vertrauen. Das fällt mir unendlich schwer.“ Jura darauf: „Gehr den anderen genauso.“

Die beiden haben eine Sache gemeinsam: Sie berichten schonungslos auch über die eigenen Fehler. Selge erzählt, und damit fängt überhaupt das Buch an, wie er, der in der Schule viel von anderen geärgert wurde, irgendwann plant, einem anderen, ähnlich wehrlosen Jungen ohne Grund in der Pause eine reinzuhauen. Was er dann auch macht. Und Jura schreibt in seinem Tagebuch, wie er seiner Schwester und seiner Mutter von deren kärglichen Essensrationen, die sie bekamen in der von den Deutschen abgeriegelten Stadt, Teile klaute. Selge kommt, ausgehend von seiner Mutter, die nach dem Krieg ehemaligen jüdischen Mitschülerinnen Briefe schrieb, Briefe, aus denen kaum Trauer herauszulesen war, die eher schroff ausfielen, zu dem Schluss: „Zuerst sehen wir den Feind in der anderen Nation, dann begreifen wir, dass die Trennlinien durch unsere Gesellschaft laufen, dann mitten durch die Familie und schließlich – quer durch uns selbst.“ Das ist die Größe dieses Romans: Selge ist sich selbst kritisch auf der Spur.

Selge hat für sein Projekt Juras Tagebuch, das auf abenteuerliche Weise gerettet worden war und nach 1945 durch mehrere Hände ging, neu übersetzen lassen. Immer wieder zitiert er wörtlich aus den Aufzeichnungen des Jungen. Irgendwann hatten dessen Mutter und die Schwester Leningrad verlassen dürfen, er war zu schwach, um mitzukommen. Die Mutter starb kurz drauf. Er schreibt am 6. Januar 1942, da dauerte die Blockade schon eineinhalb Jahre und würde noch zwei Jahre weitergehen: „Ich kann kaum noch laufen oder arbeiten. Ich habe so gut wie keine Kraft mehr. Mama kann auch kaum laufen. … Sie schlägt mich jetzt oft, schimpft, schreit, ihre Nerven gehen mit ihr durch, sie kann meinen jämmerlichen Anblick nicht ertragen. … Und die Zeit zieht sich, zieht sich lang und langsam! … Oh Gott, was geschieht mit mir?“ Selge hat seinem Roman ein Zitat von Franz Kafka vorangestellt, es lautet: „Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.“