2020 bei Rowohlt erschienen. Der Roman von Jhumpa Lahiri.
„Wo ich mich finde“ ist ein schönes Buch der amerikanischen Schriftstellerin Jhumpa Lahiri. Die Ich-Erzählerin, in Italien zuhause, berichtet darin in kleinen Geschichten von Erlebnissen aus ihrem Alltag. Die mehr oder weniger belanglos sind, aber dadurch, dass man erfährt, was die Protagonistin dabei fühlt, eine Bedeutung bekommen. Gegen Ende wird klar, dass eine dieser Begebenheiten dazu beiträgt, dass sie, eigentlich eher schüchtern, eher wenig abenteuerlustig, ihrem Leben eine Wendung verleiht. Sie nimmt für ein Jahr ein Stipendium an in einer anderen Stadt. Was nach dem Motto, das dem „Roman“ vorangestellt wurde, nicht zu erwarten gewesen war, das Motto ist ein Zitat von Italo Svevo, es lautet: „Bei jedem Ortswechsel ergreift mich eine ganz große Traurigkeit. Unabhängig davon, ob ich einen Ort verlasse, mit dem sich Erinnerungen oder Schmerzen und Freuden verbinden. Es ist der Wechsel als solcher, der mich aufwühlt, wie sich die Flüssigkeit in einem Gefäß beim Schütteln trübt.“
Das vorletzte Kapitel im Buch heißt „Nirgendwo“, die Erzählerin hat ihre Entscheidung, wegzugehen, schon getroffen, die Wohnung ist blitzblank geputzt, beim Kleben eines Tellers hat sie nicht nur die Tellerteile, sondern auch die Finger ihrer einen Hand zusammengeklebt. Jetzt denkt / schreibt sie: „Am Ende geht es nicht um die Kulisse: Der physische Raum, das Licht, die Wände zählen nicht. Es ist nicht wichtig, ob ich unter freiem Himmel oder im Regen oder im Sommer in einem klaren Wasser bin. Ob im Zug oder im Auto, im Flugzeug zwischen den wie ein Quallenschwarm lose verstreuten Wolken: Ich stehe nicht still, sondern bin in ständiger Bewegung, in ständiger Erwartung, anzukommen oder zurückzukehren oder wegzugehen. Zu meinen Füßen ein kleiner Koffer, er wird gepackt, ausgepackt, auf dem Schoß die Handtasche, ein wenig Geld, ein noch schnell eingestecktes Buch. Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?… “ Sie schreibt, ihr Wohnsitz besteht „aus den Wörtern, die für mich die Welt bedeuten“.
Es wäre eine schöne Idee, auch in der eigenen Biographie Geschichten zu berücksichtigen, die erzählen, „wo ich mich finde“. Wie ich mich im Alltag verhalte, und was das von mir erzählt. Und was das Erlebte dann wiederum in mir auslöst. Man muss ziemlich genau hinsehen, um das herauszufinden.