Was wir gesehen und gehört haben

Zurecht gelobt als "literarisches Wunder": das "Familienlexikon".

Das „Familienlexikon“ von Natalia Ginzburg ist wirklich alles andere als eine Neuerscheinung – die erste Auflage ist von 1963. Ich habe es aber erst vor kurzem gelesen, auf die Empfehlung einer Kursteilnehmerin hin. Und ich empfehle es hiermit dringend weiter.

Das Buch ist das Hauptwerk der italienischen Schriftstellerin, es ist die ziemlich lakonisch erzählte Geschichte ihrer Eltern, des eigenen Aufwachsens in Turin, aber auch die Geschichte des aufkommenden Faschismus in Italien. Ginzburg war Jahrgang 1916.

Der Vater, ein Anatomieprofessor und Antifaschist, ist ein ziemlicher Despot, die Familie lebt „unter dem Alpdruck“ seiner  Wutausbrüche, „die plötzlich und häufig bei geringfügigen Anlässen auftraten“. Beim Essen etwa: „Man spricht nicht immer vom Essen! Das ist vulgär! donnerte er, wenn er uns von der einen oder der andern Speise reden hörte. Wie gut mir der Käse schmeckt, sagte meine Mutter unfehlbar jedesmal, wenn der Käse auf den Tisch kam, und mein Vater sagte: Wie monoton du bist! Du wiederholst immer nur dieselben Dinge! … Die Nüsse, sagte er, indem er Nüsse aufknackte, sind gesund. Sie regen die Peristaltik an. Auch du bist monoton, sagte meine Mutter zu ihm. Auch du wiederholst immer dieselben Dinge. Das beleidigte meinen Vater: Was für eine Eselin! sagte er. Du sagst, ich sei monoton! Eine schöne Eselin bist du!“

Man merkt schon, wie toll das Buch geschrieben ist – unheimlich lebendig nämlich. So schlimm der Vater ist, so komisch lesen sich auch manche Stellen. Was andere Leute denken: sind für ihn Simpeleien!, er hasst Musik, die Mutter lernt trotzdem Klavier, Proust, den die Mutter auch verehrt, ist für ihn ein „Tölpel“. Natalia hat vier Geschwister, drei Brüder, von denen zwei ständig streiten, und eine Schwester, die sich gern chice Kleider nähen lässt. Sie, Natalia,  studiert nach der Schule Literatur, sie lernt Giulio Einaudi kennen, den Sohn des späteren Staatspräsidenten, der 1933 einen Verlag gegründet hat. Einer der engsten Mitarbeiter ist der Schriftsteller Cesare Pavese, dessen bester Freund, Leone Ginzburg, der auch im Verlag tätig ist, wird ihr Mann. Leone wird 1944 in einem römischen Gefängnis von deutschen Soldaten ermordet. Sie hatte sich in einem Dorf in den Abruzzen versteckt, dort musste sie jetzt weg, die Dorfbewohner halfen ihr alle.

Das große Aufatmen nach dem Krieg blieb irgendwie aus – oder dauerte nur kurz an. Ginzburg schreibt: „So war die Nachkriegsepoche traurig und voller Enttäuschungen nach der fröhlichen Weinlese der ersten Zeit. Viele zogen sich zurück und isolierten sich von neuem in der Welt ihrer Träume oder in einer Arbeit, von der sie leben konnten, eine zufällige und eilig übernommene Arbeit… , und alle vergaßen so jene kurze Zeit der illusorischen Teilnahme am Leben der Mitmenschen.“

In ihrer Nachbemerkung schreibt Ginzburg, sie habe ihren Erinnerungen nichts hinzugefügt Wenn sie, der alten Gewohnheit folgend, Romane zu schreiben, etwas erfand, strich sie es gleich wieder. Die Namen sind auch die wirklichen Namen der jeweiligen Personen. Lücken, die ihre Erinnerung nicht füllen konnten, ließ sie bestehen. Von sich selbst berichtet sie wenig, dazu hatte sie keine Lust. Sie schreibt: Das Buch ist nur teilweise das Buch, das sie schon als Kind über die Menschen um sie herum hatte schreiben wollen. „… weil das Gedächtnis unsicher ist und weil die Bücher, die aus der Wirklichkeit geschöpft sind, häufig nur einen schwachen Abglanz oder nur Splitter von dem geben, was wir gesehen und gehört haben“.

Immer wieder schreibt sie sinngemäß: „Das ist alles, was mir da-und-dazu erzählt wurde“ oder: „Das ist alles, was ich darüber weiß.“