Eine „ganz aus sich selbst heraus leuchtende Daseinsfreude“

Von Helene Bracht fand ich schon das erste Buch so gut. Es hieß „Das Lieben danach“ – und geht eben nicht nur darum, dass und wie sie missbraucht worden ist als Kind (vom Untermieter der Eltern, einem Lehrer), sondern Bracht schreibt darin auch darüber, wie sie selbst dann in Beziehungen fies werden konnte – und andere zwar nicht missbrauchte natürlich, aber blöd hinhielt, im Unklaren ließ, vielleicht auch ausnützte. Jetzt ist von der 1955 geborenen Schauspielerin und Psychologin ein neues Buch erschienen, diesmal geht es um ihre Mutter, die unehelich geboren worden ist, die ersten Jahre im Kinderheim mehr überlebte als erlebte, die trotzdem ihre Lebensfreude nie ganz verloren hat. Obwohl ihr Mann, der Vater von Helene Bracht, sie einfach immer nur klein gehalten hat. „Irma tanzt“ ist ein irgendwie blöder Titel, wie ich finde, aber das Buch ist auch wieder unheimlich bewegend. Bracht analysiert ihr Verhältnis zur Mutter, ihr Verhalten gegenüber der Mutter, sie schreibt, wie auch sie nie in der Lage war, der Mutter gerecht zu werden. Es ist eben die Frage, ob Kinder je den Eltern gerecht werden können, ob Eltern den Kindern gegenüber gerecht geworden sind. Der Rahmen ist der, dass die Mutter einen Schlaganfall erlitten hat, und während der Wochen, die sie, bis sie dann stirbt, im Krankenhaus liegt, vollzieht Bracht, die in der Wohnung der Mutter wohnt, dort die Briefe entdeckt, die die Eltern sich geschrieben haben, die Briefe nach anfänglichem Zögern auch liest, das Leben der Mutter nach. Sie erkennt, dass in der Familie alle immer voreinander geflohen sind, sie erkennt auch, dass ihr eigenes Leben der „unbewusste Versuch“ war, „das ungeliebte Leben meiner Mutter zu leben“. Denn die Mutter war immer mit dem Theater verbunden gewesen, emotional, ihr leiblicher Vater war Schauspieler. Und immer wurde Bracht vom „zersetzenden Gefühl“ geplagt, „in dem Berufsfeld, in dem ich mich bewegte, gar kein Daseinsrecht zu haben, gleichsam ein blinder Passagier zu sein…“

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, inwieweit wir alle leben wollen, was die Eltern nicht leben konnten. Was Bracht wohl auch von ihrer Mutter übernommen hat: eine unbesiegbare Liebe zum Leben. Kurz vor Schluss schreibt sie in „Das Lieben danach“, und dieser Absatz, den ich manchmal auch in meinen Kursen vorlese, ist ja eine einzige Hymne ans Leben:

„Doch dann geschah etwas Neues. … Völlig geräuschlos öffnete sich die Tür zu einem zuvor unbekannten Möglichkeitsraum innerer Freiheit. Darin allein mit mir und weit jenseits von Wünschen und Wollen, nahm eine pure, ganz aus sich selbst heraus leuchtende Daseinsfreude von mir Besitz. Eine, die alle Sinne erfassen und sämtliche Lebensgeister zurückrufen konnte. Sie kam und blieb, machte sich ungefragt in meinem Inneren breit, hielt Einzug in meinen Alltag und scherte sich rein gar nicht um Begründung und Verhältnismäßigkeit. Und obwohl es mir nach wie vor ein wenig unangenehm ist, mich nicht recht erklären zu können, genieße ich angemessen grundlos alles, was mir damit zufällt.“

Ist das nicht wunderschön?