Den Wind im Feld fangen

22. Juni 2021 – denkwürdiges Datum. Heute vor 109 Jahren begann Napoleon seinen Russland-Feldzug, heute vor 80 Jahren fielen dann die Deutschen, die offenbar nicht willens waren, von Napoleon zu lernen, in der Sowjetunion ein. Stalin mochte es nicht glauben, er zog sich auf seine Datscha zurück, um zu begreifen, dass stimmte, was er erfahren hatte. Dass der Nichtangriffspakt gebrochen worden war.

Dabei war das „Unternehmen Barbarossa“, wie die Deutschen das Ganze nannten, kein Krieg mit herkömmlichen Mitteln. Sondern ein apokalyptischer Vernichtungsfeldzug, dessen Ziel die Auslöschung ganzer Staaten gewesen ist und den 27 Millionen Sowjetbürger nicht überlebten. Nicht mit eingerechnet die drei Millionen sowjetische Kriegsgefangenen, die die Wehrmacht einfach abkratzen ließ – man kann es nicht anders sagen. Die Gefangenen wurden teils in Zügen transportiert, wenn die Züge ihr Ziel erreichten, wurden Hunderte, Tausende Tote auf die Gleise geworfen. Hunger wurde als Waffe eingesetzt.

Natürlich war irgendwann auch den deutschen Soldaten klar, was da eigentlich passiert. Dass sie für einen Verbrecher – Bertolt Brecht schreibt: für einen „blutigen Brüllenden“ – im Feld standen und ihr Leben riskierten. Spätestens ab Sommer 1942 ändert sich bei vielen dann der Ton in den Briefen, die sie nach Hause schickten. Jetzt schrieben sie nicht mehr von einem „Schicksalskampf“ der Deutschen, sondern sie schrieben, sie hofften, dass bald Frieden kommt. Jedenfalls viele.

In seinem Roman „Unter der Drachenwand“ lässt der österreichische Autor Arno Geiger seinen Protagonisten, einen Soldaten, der in Russland gewesen war, der jetzt nach einer Verletzung das Jahr 1944 zu Hause verbringen kann, sich schmerzlich eingestehen: „ … dass ich tatsächlich und unwiderruflich in diesem Krieg bleiben würde, egal, wann der Krieg zu Ende ging und was aus mir noch wurde, ich würde für immer in diesem Krieg bleiben als Teil von ihm.“ Immer wieder übermannt ihn, Veit, wie er heißt, die Erinnerung daran, was er gesehen, erlebt, mitgemacht hat. Einmal hören er und ein Freund Frösche quaken – und in ihm beginnt, ein Film abzulaufen: „Wir lauschten dem langen Abendgebet der Frösche, und ich dachte an das sogenannte Auskämmen der Wälder, qua-qua-qua. Und wenn man einen Partisanen oder eine Partisanin erschossen hatte, war es, als hätte man den Wind im Feld gefangen, von unserer Warte gesehen, die Wirkung blieb aus, es war alles total sinnlos, grauenhaft, unmenschlich. Und dann weiter bei größter Hitze in riesigen, urwaldähnlichen Gebieten viele Kilometer gehen, und ständig quakten die Frösche, qua-qua.“

Den Wind im Feld gefangen zu haben: eine ziemlich schöne Umschreibung für die Absurdität des Krieges, mit der alle, die dabei gewesen sind, im Nachhinein irgendwie fertig werden mussten. Von der Schuld, die sie dabei auf sich luden, ganz abgesehen.