„Das macht nichts, Mister Freud?“

Ich habe die Autorin Lea Singer für mich entdeckt. Ihr aktueller Roman, „Eine Frage des Formats“, geht über die lustige, spannende Zeit, in der die Queen dem völlig exzentrischen Maler Lucian Freud, Enkel von Sigmund Freud, Modell gesessen ist. Das Buch ist witzig und intelligent, und die Dialoge, die Singer, die eigentlich Eva Gesine Baur heißt, ihren Protagonisten in den Mund legt, sind immer überraschend.

Über ein Jahr hat sich Freuds Arbeit an dem Portrait, das er von der Queen schuf, hingezogen, von Mai 2000 bis Dezember 2001 kam das ungleiche Paar monatlich für mehrere Stunden zusammen. Freud war dafür bekannt, in seinen Bildern die Seele der von ihm Portraitierten zu ergründen, man könnte vielleicht sagen: Was seinem Großvater die Couch war, war für ihn die Leinwand. Natürlich passiert während der Zeit mit beiden was, Freud verzweifelt fast daran, wie die Queen wirklich niemals aus der Fassung gerät und immer Haltung bewahrt. Während sie zunehmend Gefallen an ihm, dem, was er ihr erzählt, dem auch, wie er arbeitet, findet.

Am Ende phantasiert die Queen, die den Tee bei ihrer Mutter schwänzt, bei sich im Zimmer im Sessel sitzend, mit geschlossenen Augen, eine letzte Unterhaltung mit dem von ihr geschätzten Künstler, der seine Modelle sonst gern nackt wiedergab, auch mal umwickelt von Schlangen, mit Ratten in der Hand. Sie stellte sich vor, wie er zu ihr sagte: „Was mein Porträt von Ihnen angeht, Ma’am, wird das Ergebnis wie bei jedem meiner Porträts auch eine Enttäuschung sein. Aber das macht nichts.“ Sie dann zu ihm: „Das macht nichts, Mister Freud?“ Darauf er: „Mir nicht, Ma’am. Ob etwas gelungen ist, sagt mir nicht das Ergebnis. Es kommt darauf an, was mir während des Machens aufgegangen ist.“

Ich hab von Lea Singer dann noch ein Buch über Caspar David Friedrich („Die Anatomie der Wolken“) und über „Die Heilige des Trinkers“ gelesen – die letzte Frau an der Seite von Joesph Roth, ehe der seinem Suff erlegen ist. Beide Bücher ebenfalls: wärmstens zu empfehlen.