August Kühns Buch über seine Reise durch Deutschland.
August Kühn war Schriftsteller und Sozialist, Münchner. Geboren ist er 1936 im Westend, 1938 musste die Mutter mit ihm fliehen, sein Vater war Jude gewesen. Nach dem Krieg kehrten sie zurück. Kühn hat einen kurvigen Lebensweg, irgendwann machte er ein Volontariat, dann wagte er, als freier Autor seinen Lebensunterhalt und den für die große Familie zu verdienen. Er hatte sechs Kinder. Ermutigt hat ihn dabei auch Oskar Maria Graf, den er mal interviewt hatte für eine Zeitung – und der ihm sagte: „Die Leut mögen sich eh schon nicht, keiner mag mehr den anderen. Und wenn’st schreibst, dann mag dich schon gar keiner mehr. Aber wenn’st schreiben willst, dann red nicht lang davon, tu es einfach.“
Kühn schrieb dann unheimlich viel, mal waren die Bücher erfolgreicher, mal nicht so erfolgreich. Am bekanntesten von ihm ist „Zeit zum Aufsteh’n“, ein München-Roman, der 100 Jahre umfasst und vom ZDF verfilmt wurde, mit Franz Xaver Kroetz in der Hauptrolle.
Was aber Kühn auch gemacht hat, ist eine spektakuläre Reise in eigener Sache, durchs eigene Land. 1984 machte er sich auf, Deutschland zu Fuß, per Autostopp und Bahn von Süd nach Nord zu bereisen, unterwegs las er in Buchhandlungen, aber auch in Parks, er redete mit den Leuten, die er traf, darüber, wie und wieviel und was sie lesen würden – und er berichtete davon, wie schwer es schon damals war, vom Schreiben zu leben. Er gab viele Interviews in Zeitungen, überflüssigerweise bezeichnete ihn der „Spiegel“ als „Tippeldichter“. 277 Buchhandlungen hat er in den drei Monaten, die seine Unternehmung dauerte, besucht. Er schrieb: „Daß es nicht wahrgenommen wird, daß es eine Mehrheit damit bewenden läßt, ihr Kreuz auf Papier zu malen, wenn ein Wahlsonntag ist, statt immer und jederzeit mit freiem Wort und freier Schrift zu öffentlicher Meinungsbildung bei öffentlichen Dingen beizutragen, halte ich für ein erschreckendes Duckmäusertum, für die Lauheit, die sich unser Land keinen Tag länger leisten darf.“
Auch über seine Reise verfasste er dann ein Buch, es heißt: „Deutschland – ein lauer Sommer“. Schon zwei Jahre vorher, 1982, war er ausgezeichnet worden mit dem Ernst-Hoferichter-Preis. Weil er in der DKP war, weigerte sich Münchens zweiter Bürgermeister Winfried Zehetmeier, ihm die Auszeichnung zu überreichen.
Man sollte eine Deutschland-Reise, wie der kühne August Kühn sie gemacht hat, eigentlich unbedingt heute wiederholen. Wir müssen weiter lesen, wir müssen reden übers Gelesene, auch wir können uns Lauheit nicht leisten.