Ich bin in einer Paula Modersohn-Becker-Phase. Dabei geht es mir nicht um die Bilder, die fand ich schon immer unheimlich toll – und kenne einige Sachen ja auch schon lang. Was ich jetzt entdeckt habe, ist etwas anderes, nämlich: wie toll die Modersohn-Becker auch geschrieben hat. Sie schrieb Tagebuch, und sie schrieb viele Briefe, unter anderem an Rilke, der ja mit ihrer besten Freundin, der Bildhauerin Clara Westhoff, verheiratet gewesen ist.
Die Briefe von Paula Modersohn-Becker sind in verschiedenen Editionen veröffentlicht worden, unter anderem gibt es eine kleine Reihe im Insel-Verlag. Am 10. Januar 1906, nachdem sie schon dreimal allein in Paris gewesen war, als die Ehe mit Otto Modersohn schon bröckelte, schrieb sie der Mutter: „Dieses unentwegte Brausen dem Leben zu, das ist das Schönste im Leben. Dem kommt nichts anderes gleich. Daß ich für mich brause, immer, immerzu, nur manchmal ausruhend, um wieder dem Ziele nachzubrausen, das bitte ich Dich zu bedenken, wenn ich manchmal liebearm erscheine.“
Vier Monate später, wieder in Paris, an Marha Vogeler in Worpswede: „Ich mag furchtbar gerne zwischen meinen Arbeiten schlafen und Morgens zwischen ihnen erwachen. Ich male lebensgroße Akte und Stilleben mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen.“ Vom zweiten Frankreichaufenthalt hatte sie an Otto geschrieben, mit dem sie schon verheiratet war, Februar 1903, wie sie ihre Tage beginnt – ich liebe diese Stelle: „Ich stehe also morgens gegen acht Uhr auf, öffne meine Fester und schaue hinaus in meinen Garten, in dem die Nägelein schon große grüne Knospen haben und kucke mir das Wetter an. Darauf mache ich meinen Cacao.“ Es war nicht so, dass sie sich vor gar nichts gefürchtet hätte. Die Franzosen in ihrer Leichtigkeit, die einfach so tanzten auf der Straße, die viel lachten, schüchterten sie ein. Aber sie schlug sich durch. Am Ende kehrte sie, nachdem sie sich von Modersohn schon getrennt hatte, zu ihm zurück. Bekam ein Kind, starb kurz nach dessen Geburt. Eins der letzten Worte, die sie gesagt haben soll, lautete: „schade“.